Nov
16
2009

As Print goes by – Die Druckindustrie in der Krise

No Gravatar

Verlage klagen ja bekanntlich frühzeitig und vor allem sehr laut, wenn es rückläufige Absatzzahlen geht. Jetzt sind sie allerdings längst nicht mehr die einzigen, die einen Personalabbau planen. Auch Vorzeige-Unternehmen wie Heidelberger Druckmaschinen Hersteller sehen pessimistische in die Zukunft.

Ihr als treue Leser meines Blogs werdet es wahrscheinlich nicht wissen, aber ich bin gelernter Offsetdrucker und habe 15 Jahre als Betriebsleiter in Druckereien gearbeitet. Ich fühle mich der Druckindustrie natürlich immer noch sehr verbunden und leide dementsprechend mit, wenn ich solche Berichte lesen muss.

Ich persönlich habe mich allerdings schon im Jahre 2000 intensiv mit anderen Bereichen beschäftigt, denn ich habe schon damals grosse Probleme auf die Druckindustrie zukommen sehen. Schuld daran waren natürlich die PC`s und die damit einkehrende Digitalisierung. Jeder private Anwender war plötzlich theoretisch dazu in der Lage seine Drucksachen selbst herzustellen, zumindest wurde es ihm durch die Presse suggeriert.

Ganze Berufe wurden dann nach und nach überflüssig gemacht. Ein Schriftsetzer wurde plötzlich kaum noch gebraucht, die Gesetze der Typographie wurden schliesslich völlig ausser acht gelassen. Jeder mischte willkürlich jede Schrift mit einer anderen und irgendwann hat es keinen mehr interessiert.

Drucker brauchten plötzlich kein besonderes Gefühl mehr für Farben, das regeln die Maschinen von selbst. Dazu sollte ich vielleicht erwähnen, dass man vor gar nicht langer Zeit 4-farbige Prospekte auch auf einer 1-Farben Maschine gedruckt hat. Das heisst, dass der Drucker für die erste gedruckte Grundfarbe wie z.B. Cyan so viel Gefühl haben musste, dass das fertige Druckergebnis dann auch genauso aussah wie der Kunde es wünschte. Hat er zu wenig Cyan an einigen Stellen gedruckt, so würde der grasgrüne Rasen dann später auch eher wie verbrannt aussehen, denn ein gedruckter Rasen wird hauptsächlich mit Cyan und Yellow gedruckt. Jetzt braucht man für solche Anforderungen natürlich kaum noch Feingefühl. Vielleicht wird es bald gar nicht mehr nötig sein 3 Jahre dafür zu lernen.

Die Fehler der Druckindustrie

Es gäbe von diesem Beispiel sicherlich noch einige die die selbe Sprache sprechen und dennoch nichts am Ergebnis ändern. Was aber hat die Druckindustrie falsch gemacht? Da gibt es meiner Meinung nach diverse Gründe die ich nachfolgend einmal aufzähle. Das Schlimme daran ist allerdings, dass die meisten Unternehmen immer noch auf einem viel zu hohen Ross sitzen.

Verwaltung

Das Problem ist nicht nur in der Druckindustrie anzutreffen, aber durchaus typisch. Bittet ein Kunde um ein Angebot, dann richtet er das natürlich nicht nur an eine Druckerei. Er fragt mindestens 3 Druckereien an (manchmal sogar 5 oder mehr) und entscheidet sich oft natürlich für den günstigen. Es werden also 3 Kalkulationen erstellt, die meistens sogar noch 5 verschiedene Variationen auswerfen. Bevor ein Kunde also sein Geld zum Kunden tragen kann sind nicht selten schon Stunden an Arbeit investiert worden. Hätte sich die Druckindustrie darauf einigen können für Kalkulationen Geld zu verlangen, wären nicht nur die Erträge besser gewesen, sie hätten zudem auch noch bessere Preise machen können. Da Einigkeit natürlich auch in diesem Gewerbe so gut wie unmöglich ist, war das grosse Hauen und Stechen um jeden einzelnen Kunden das Ergebnis.

Auch hier hat kaum ein Unternehmen den Mut gehabt Preislisten zu erarbeiten oder gar Online Kalkulatoren erstellen zu lassen. Als Grund wurde mir immer angegeben, dass dadurch auch der Wettbewerb die Preise kennen würde.

Sortiment

Wenn ein Kunde Werbung machen möchte, dann bleibt es meist nicht bei der Printwerbung. Auch Fahrzeugbeschriftungen oder Onlinepräsentationen werden oft gebraucht. Leider haben auch hier viele Druckereien die Trends nicht erkannt und das Geld den Wettbewerb verdienen lassen.

Bedarf

Auch der Bedarf der Kunden hat sich stark verändert. Kunden präsentieren sich heute immer mehr ausschliesslich online. Kontaktdaten werden zunehmend online oder mobil ausgetauscht. Eine klassisch gedruckte Visitenkarte gehört immer weniger zu den “Must Have´s” eines Kunden. Wenn er dann tatsächlich noch eine Visitenkarte brauchen sollte, dann bekommt er sie für ein paar Euro in einem der vielen Online Druckereien.

Imagebroschüren, Prospekte, Flyer sind alles Werbemittel die immer aufwändig und in grösseren Mengen produziert worden sind. Die Informationen die diese Drucksachen bereitstellen sind ab dem Druck aber schon wieder so alt, dass sie schon wieder erneuert werden müssten. Auch hier gelang es nur wenigen auf Lösungen wie Print on Demand oder Web2Print umzustellen.

Fazit

Die Druckindustrie hat genau so wie die Verlagsindustrie eine viel zu grosse Arroganz an den Tag gelegt. Wenn einem Kunden der Druck zu teuer ist oder es ihm zu lange dauert, dann druckt er sich das eben lieber schnell selbst. Auch Informationen werden sich die User in Zukunft selbst zusammenstellen. Da braucht man als Verlage gar nicht in Richtung von Paid Content denken, das wird vielleicht ein paar Euro zurückbringen, aber sicherlich kaum eine Wunderwaffe sein.

Rock on…

As Print goes by – Die Druckindustrie in der Krise


Montag, November 16th, 2009, 09:53


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